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Freitag 01.10.2010, 20:00 Uhr |
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Bittere Bilanz eines Philosophen
Café Extra: Helmut Ruge legt sich in Büttelborn temporeich »Mit 70 in die Kurve« - Zuschauer fordern drei Zugaben
BÜTTELBORN. Temporeich ging Kabarettist Helmut Ruge am Freitag im Café Extra »Mit 70 in die Kurve« - so der Name seines Programms. Bereits bei seinen ersten Worten »Schön, dass sie da sind, ich hoffe das bleibt so«, meldete sich ein Besucher zu Wort: »Schauen wir mal.« Da musste auch der seit 45 Jahren auftretende Ruge lachen.
Und schon legte er mit einem Rundumschlag gegen Wirtschaft und Politik los. Im »Rentier-dich-Lied« zog er eine bittere Bilanz: »Wenn die Rechner richtig rechnen, rechnet sich der Mensch nicht mehr.« Aber »das Leben ist eben ungerecht«, so Ruge, »und damit das so bleibt, haben wir die FDP«.
Auch philosophischen Fragen stellte er sich. Wie etwa kommt es, dass der Mensch immer mehr besitzen möchte, als er hat? Dazu erzählte er die Geschichte vom Bäcker, der, um einzigartig zu bleiben, nicht mehr als eine Filiale eröffnen wollte. »Aber heute gilt einer, der nicht mehr will, ja als komischer Kauz. Der kommt kurz vorm Loser«, feixte Ruge. Mit einem Gedicht dachte er über die Bedeutung von Haben und Sein nach und kam zu dem Schluss: »Immer mehr haben, heißt immer weniger vom Leben haben.«
Aber die Neugierde zu wissen, was hinter der nächsten Kurve stecke, könne kein Mensch unterdrücken. Vielleicht liefen sich da Diktaturen warm. Und eigentlich könnten wir das doch gebrauchen, einen »Weisen mit Blankovollmacht«, der für uns Entscheidungen trifft. Einen schwäbischen Fachmann für Diktaturen verkörpernd, erklärte Ruge, dass er dann eine Erziehungsreform - Ohrfeigen seien schließlich nichts Schlechtes - einführen wolle. »Außerdem kommen die Ausländer raus, die Todesstrafe wird legalisiert, und es gibt mehr Privatfernsehen für alle.« Für ihn sei das eine schöne Kombination aus Silvio Berlusconi und Roland Koch.
Aber was könnten wir machen, um eine nächste Finanzkrise zu verhindern? »Geld verjubeln« oder »Einzelproteste nützen nichts«, kam es aus dem Publikum. Da in Büttelborn zu wenige für einen Massenaufstand waren, setzte Ruge für den Moment auf die Kraft der Liebe und stimmte das Lied »Schenk mir heute deine Brombeerlippen« an. Leider sei aber auch die Liebe bedroht, so unrationell wie sie betrieben werde: Maximaler Gefühlsaufwand für einen kleinen Ertrag.
In Stuttgart geboren und in Baden aufgewachsen, kennt Ruge alle Eigenarten der Schwaben und beherrscht ihren Dialekt perfekt. Aber nicht nur ihren: Zwar nur »Neigeschmeckter« (zugezogener) Münchner, weiß er trotzdem auch Sprache und Lebensart der Bayern hervorragend zu imitieren. Und gibt dabei dem Publikum noch einen Rat mit auf den Weg: »Man soll das Leben so auszuzeln wie eine schöne Weißwurst.«
Als Abschlusslied wählte er »Das Hoffnungsorchester«, und die Zuschauer bekamen nicht genug von Ruges Weisheiten. Drei Zugaben musste er geben. So kam er denn auch noch dazu, einen Text seines einstigen Weggefährten Dieter Hüsch, der 2005 gestorben war, vorzulesen. Zur Ehre Büttelborns, schließlich hat die Gemeinde sogar Erwähnung in Hüschs Buch gefunden.
Quelle: Groß-Gerauer Echo vom 04.10.10 - Charlotte Schnitzspahn Bild: Dieter Gölzenleuchter | Bildbearbeitung: -
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| » Wo: Café Extra |
Titel/Programm: Mit 70 in die Kurve |
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